Heute war ein guter Tag. Erstens weil ich endlich wieder ein wenig
gesünder bin: die letzten Tage war ich ziemlich krank. So krank das
ich nicht auf die Uni gehen konnte. So krank dass leider auch aus
meinem Job als Kolumbianer bei der South Asian Expo nichts geworden
ist. Die ist also heute ohne mich eröffnet worden. Zumindest Faith
arbeitet wie geplant dort. Zwar für ein Butterbrot, da sie nicht
wirklich gefragt hat wieviel sie verdienen würde bevor sie
angefangen hatte, aber immerhin arbeitet sie bei der Expo. Es gibt
auch Freiwillige die dort für nichts arbeiten, also immerhin. Wie
geplant im indischen Pavillion, heute bekam sie sogar ein indisches
Kostüm, aber das Foto davon habe ich noch nicht gesehen. Was mich
aber erschüttert hat war wie sie gemeint hat „I have the feeling Indian people are
really impolite“. Da
nach unseren Maßstäben ja bei uns Chinesen als unhöflich gelten,
frage ich mich wie da die Inder sind... ihre dann gebrachten
Erfahrungen konnten aber ihre Sichtweise auch für mich etwas
bestätigen.
Immerhin war ich heute schon wieder so bei
Kräften das ich beschloss am Nachmittag in mein Lieblingscafe zu
fahren. Auf dem Weg war ich zwar anscheinend noch so wenig bei
Kräften dass eine chinesische Freundin die ich traf sagte „You
should go to the doctor!“ aber was weiß die schon. Meine Lunge und
mein Husten und meine Stimme hörten sich bezaubernd an im Vergleich
zu noch vorgestern! Außerdem... zum Arzt in die Klinik gehen? Der
gibt mir ja dann gleich ein paar Spritzen und legt mich für eine
Stunde in so ein komisches Bett... nein, ich bin sowieso ein
männlicher Weißer zwischen 19-59 und daher unverwundbar und muss
ergo auch nicht zum Arzt gehen!
Ich Cafe Gemen angekommen begann
ich dann mit Steven unsere Revanche-Partie von „Twilight Struggle“.
Wer ist Steven? Ich hatte ihn schonmal erwähnt. Er ist mein
Lieblingskellner im Cafe Gemen und mittlerweile auch guter Freund.
Nicht nur das, wie sich heute herausstellte ist er seit 2 Monaten
auch 50%iger Besitzer des Cafes Gemen. Soviel zu ihm. Aber was ist
„Twilight Struggle“? Das ist ein Brettspiel das ca. 4 Stunden
dauert bei dem 2 Personen den Kalten Krieg nachspielen. Spielfeld ist
die Welt. Ich kannte das Spiel nicht bis Steven es mir vorgestellt
hat, für den es eines seiner Lieblingsspiele ist. Bei meinem ersten
Spiel habe ich ihn gleich nach 1,5 Stunden weggeputzt gehabt und ihm
auch noch ein paar Regeln ausgebessert. Als „Meticulous European“
wie Faith mich oft gerne nennt habe ich mir vorher das Spiel
ausgeborgt gehabt, und für einen Nachmittag und einen Abend bis
Mitternacht die Regeln studiert und dann ein Probespiel gegen mich
selbst angefangen. Daher wusste ich ziemlich genau wie das ganze
funktioniert und die 12 A4-Seiten Regeln und die 14-seitige Reportage
eines Probespiels die danach in der Anleitung standen kannte ich
flüssig. Das „Twilight Struggle“-spielen mit Steven ist auch
insofern amüsant weil er parallel zu den englischen Spielkarten die
wir verwenden die jeweiligen Karten der chinesischen Ausgabe hat, da
die Anweisungen recht komplex sind und er keinen Fehler machen will.
Bevor ich zu Gemen gefahren bin habe ich ihn wohlweislich
angerufen und gefragt ob er genug Zeit hat das wir die Revanchepartie
Twilight Struggle spielen könnten.
Er meinte ja.
Unglücklicherweise war mein Kopf von der Krankheit noch zu
benebelt um in Betracht zu ziehen dass er die Frage vielleicht nicht
richtig verstanden hatte und nach gutem alten chinesischen Brauch
einfach „Ja“ geantwortet haben könnte.
In Gemen angekommen
waren wir dann erst in Runde 3 von 10 als er ein paar Anrufe bekam
und meinte er kann jetzt nicht weiterspielen weil er müsse jetzt
wegen der Arbeit weg, ob ich hierbleiben wolle oder mitkommen.
Neugierig auf etwas neues bin ich dann mitgegangen. Herauszubekommen
was genau passiert war wieder einmal schwierig, ich bin schon gewohnt
mich überraschen zu lassen. Wir sind dann von seinem Vater abgeholt
worden. Wie ich verstand ging es darum einen Tisch und einen
Fernseher zu transportieren aber nichts zu schweres. An meine
Gesundheit denkend war ich mir dann schon nicht mehr so sicher ob ich
am richtigen Platz war aber es war zu spät. Außerdem... ein Tisch
und ein Fenrseher? „A TV? A flatscreen?“ „Yeah!“ „Okay,
well thats really not heavy“. Erst haben wir dann Auto gewechselt
gegen einen Van. Beim fahren und schon auf meinem Weg zu Gemen
bemerkte ich eines: Kunming ist VOLL von Polizisten. Und wenn ich
sage voll dann MEINE ICH VOLL. Die stehen an jeder großen Kreuzung
zu 4rt. An vielen großen Straße in Sichtweite zueinander. Auf
den Brücken über die Kreuzungen. Dort daher erstmals angenehm keine
Krimskramsverkäufer durch die und deren Waren du dich
durchschlängeln musst. Dann nach dem Auto wechseln ging es zu
Stevens alter Wohnung. Okay eingerichtet, gute Raumaufteilung,
schockierende Küche: Diese ist in so einem „herausstehenden“
Balkon gebaut. Arbeitsfläche ist praktisch die vom Boden zur Wand
dann zur Arbeitsplatte durchgängig verlegten Fließen. Das schwere
Plastikrohr zum Gasanschluss zu den Kochplatten hängt durch die
Luft. Aber das ist China. Wir haben dann ein wenig zusammengepackt.
Bücher, DVDs, Fernseher... ah der Fernseher ist natürlich kein
Flatscreen, aber wir sind im Erdgeschoss. Dann machte mir Steven ein
tolles Geschenk. Einen tragbaren Elektroofen. Einen Ofen! Gesegnete
westliche Zivilisation! Ich kann Dinge warmhalten! Und Buritos mit
Käse überbacken! Ich kann Pizza backen! Und Kuchen! Und Brot! Naja,
okay, ich backe eigentlich keine Kuchen. Und ich kann auch kein Brot
backen bis jetzt. Und einen fertigen Pizzateig kriege ich hier auch
nicht. Aber hey! Steven hat mir versprochen mir in Gemen zu zeigen
wie man Pizzateig herstellt. Okay, ich könnte das natürlich auch
übers Internet rausfinden, aber es ist doch viel cooler das in einem
französischen Cafe in Kunming von einem Chinesen gezeigt zu bekommen
nmmm? Jedenfalls ein sehr cooles Geschenk. Außerdem bekam ich eine
alte 26cm Pfanne, was bedeutet dass ich mich in zukunft nicht mehr so
oft am Wok verbrennen muss wenn ich meine Gerichte mache. Und dann
habe ich noch ein Bild bekommen.
Dann haben wir das Auto mit den
Sachen eingeräumt und sind wieder zum Cafe gefahren. Der Fernseher
war verdammt schwer, besonders wenn man nicht ganz Gesund ist, aber
aus der Sache kommt man dann ja auch nicht mehr raus wenn man mal
zugesagt hat.... nicht dass ich genau wusste wozu. Zurück im Cafe
also, das Zeug teilweise ins Cafe, den Rest transportierte dann
Stevens Vater irgendwo hin. Endlich konnten wir weiterspielen, aber
auch nicht wirklich lange. Meine Freundin kam schließlich von der
Arbeit auf der Expo, und wir sind dann mit Steven zu „Sam“ einem
Pakistani der an dem Abend indisch kochen wollte. Viele Laowais
würden kommen. Für die er kochen wollte. So auch für uns. Das war
so was gruppendynamisches. Am Anfang wollten wir einfach nur
miteinander Abendessen, dann wurde es ein Essen bei Sam. Den Faith
und ich bisher eigentlich noch nicht gekannt haben. Wir haben unser
Spiel also schließlich eingefroren und sind dorthin. Faiths und mein
Plan war jedoch nicht lange zu bleiben. Sie musste noch -auf den
letzten Drücker- irgendwelche Dokumente für die Guidezertifizierung
fertigstellen und ich bin ja noch ein wenig krank. Wir trafen auf dem
Weg dann noch 2 weitere Personen bevor wir endgültig die Wohnung
hinauf sind. Eine der beiden Personen kannte ich noch nicht. Wir
haben dann ein interessantes wo-kommst-du-her Spiel gespielt. Ich
habe sein israelisch dann schneller erkannt als er erraten konnte
dass ich als deutschsprechender aus Österreich kommen kann.
Normalerweise, wenn Leute schließlich erfahren dass ich aus
Österreich-Wien komme bekomme ich Sätze wie:
Ah, Austria - beautiful country!
Ah, Austria – Sound of music! You know?
Ah Vienna, Music city!
Ah Vienna, I have been there once! Liked it very much!
Ah Australia!
Sowas oder so ähnlich bin ich gewohnt. Aber folgender erster Satz war für mich neu.
Oh, you come from Vienna? I took my first MDMA there on the
danube! Interesting experience!
Wir hatten uns gerade kennengelernt und sein Akzent war für mich
ungewohnt und dann durch noch so einen ungewohnten Satz habe ich erst
ja versucht mir zusammenzureimen was er da gesagt hatte, denn ich
hatte ihn doch sicher nicht richtig verstanden. Aber nein, das hatte
er schon gemeint.
Das essen war dann nett, aber die kleine
Wohnung war wirklich gerammelt voll mit größtenteils Ausländern.
Und wir mussten ja früh gehen. Also haben wir uns dann verabschiedet
und dann ging es heimwärts um uns schließlich von einem aufregendem
Tag auszuruhen.
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